Formel 1: an diesem Wochenende steht der Große Preis von Russland an
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| Toto Wolff nach dem Qualifying sichtbag "angefressen" |
Toto Wolff über Russland
Nach einem anstrengenden und intensiven Triple-Header haben wir noch einmal Energie getankt und sind jetzt bereit für die nächsten Aufgaben. Hinter uns liegt ein bittersüßes Rennwochenende in Monza. Valtteri zeigte eine überragende Leistung und fuhr ein starkes Ergebnis ein. Bei Lewis hatten wir jedoch das Gefühl, Punkte verloren zu haben, da er das Potenzial besaß, um den Sieg zu kämpfen. Schön ist hingegen, dass der W12 konkurrenzfähig ausgesehen hat und bei nur noch acht ausstehenden Rennen ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo wir unsere Erfahrung nutzen und uns auf die Details sowie Prozesse konzentrieren müssen, die uns über die Ziellinie bringen werden.
Wir freuen uns sehr darauf, wieder in Russland zu fahren. Die Strecke war im Laufe der Jahre ein gutes Pflaster für uns und beide Fahrer konnten in Sotschi bereits großartige Ergebnisse einfahren. Jetzt hoffen wir, dass wir unsere Erfolgsserie in Russland fortsetzen können, aber uns ist bewusst, dass dieses Jahr alles anders ist. Deshalb erwarten wir erneut ein intensives Wochenende.
Im vergangenen Jahr war Sotschi eines der ersten Rennen, bei denen wir wieder Zuschauer auf den Tribünen gesehen haben. Es war fantastisch, wieder die Leidenschaft und Atmosphäre der Fans zu spüren. Wir haben gerade in Spa, Zandvoort und Monza großartige Unterstützung genossen und das wird an diesem Wochenende nicht anders sein.
Lewis bestreitet in dieser Saison zum zehnten Mal in seiner Formel 1-Karriere einen WM-Kampf und er ist hochkonzentriert auf seine Ziele für die nächsten acht Rennen. Valtteri fährt derweil besser denn je, was er in Monza bewiesen hat. Er wird an jedem Wochenende vollen Einsatz geben. Das Team strahlt gerade Ruhe und Entschlossenheit aus und der Titelkampf zum Saisonende ist genau das, was uns am meisten Spaß bereitet.
So entsteht eine F1-Strategie
Wir haben diese Situation alle schon einmal selbst erlebt: Wir sitzen
bequem auf unserem Sofa, verfolgen ein Formel 1-Rennen im Fernsehen und
dann trifft ein Team eine Strategie-Entscheidung, die wir sofort
anzweifeln. Von außen betrachtet wirkt alles ganz einfach, aber was die
Zuschauer Zuhause nicht sehen können, ist die Menge an Daten und
Analysen, die hinter diesem allseits bekannten Funkspruch stecken: "Box,
Box, Box!"
Was umfasst der Begriff 'Strategie' alles in der Formel 1?
Die meisten verbinden mit einer F1-'Strategie' vor allem den
Moment, indem ein Fahrer via Funk an die Box gerufen wird sowie die
Entscheidung, welche Reifen dabei aufgezogen werden. Und das stimmt
auch. Während eines Rennens ist es das Ziel der Strategie-Abteilung, das
eigene Auto optimal im Vergleich zur Konkurrenz aufzustellen, damit es
den Grand Prix auf der bestmöglichen Position beenden kann.
Um das
Gesamtbild zu erkennen, das hinter der Arbeit der Strategie-Abteilung
steckt, muss man jedoch ein paar Schritte zurücktreten.
Lassen wir zunächst einmal das Rennen hinter uns. So arbeitet die
Strategie-Mannschaft an der Herangehensweise des Teams an das
Qualifying. Wenn wir noch einen Schritt weiter zurücktreten, erkennen
wir den noch weiter gefassten Ansatz für das gesamte Rennwochenende: Wie
möchte man seine Ressourcen und Reifen auf die verschiedenen Sessions
aufteilen? Und noch einen Schritt weiter zurück, befindet sich der Blick
auf die gesamte Saison: Auf welchen Strecken erwarten wir eine bessere
oder schlechtere Performance? Wie gehen wir diese Rennen an und wie
verändert sich das Performance-Bild im Laufe der Saison?
Wie bereitet sich das Strategie-Team auf ein Rennwochenende vor?
Die Strategie-Mannschaft denkt normalerweise schon mehrere Rennen weit
voraus, um sicherzustellen, dass die Vorbereitungen rechtzeitig
erfolgen. Das Team nutzt alle verfügbaren Daten, um ein detailliertes
Bild von allen möglichen Szenarien und deren Auswirkungen auf die
Strategie zu erhalten. Nach dem Abschluss eines jeden Rennwochenendes
aktualisieren wir unsere Systeme, um die Analysen für die kommenden
Rennen neu zu bewerten. Wir sammeln an jedem Rennwochenende eine Unmenge
an Informationen und Erkenntnissen, zum Beispiel wo wir schwach sind,
wo wir stark sind und wie wir uns verbessern können.
Vor einem Rennwochenende stehen der Strategie-Truppe somit eine Vielzahl
an Daten und Informationen zur Verfügung. Angefangen von den
Erkenntnissen über die Wettermuster über detaillierte Erfahrungen von
unserem letzten Besuch auf der jeweiligen Strecke bis hin zur
Reifenperformance und was wir seitdem hinzugelernt haben. Gleichzeitig
sehen sie sich die Performancemuster der Autos, die Streckenentwicklung
und vieles mehr an. Auf Basis dieser Vorbereitung legen wir fest, was
wir von unserem Auto, der Konkurrenz und dem Verhalten der Reifen
erwarten können.

Worauf konzentriert sich das Strategie-Team während des Trainings und des Qualifyings?
Während des Freitagstrainings liegt die Konzentration unter anderem
darauf, wie sich die Reifen verhalten und wie lange sie halten. Dabei
verwenden wir nicht nur die Daten von unseren Autos, sondern vom
gesamten Feld, um dadurch unser Verständnis zu stärken. Es ist
schwierig, die nötigen Erkenntnisse aus einer einstündigen Session zu
gewinnen, aber wir wollen so viel wie möglich daraus machen.
Dafür stehen uns die Rundenzeiten, GPS, Reifendaten und vieles mehr zur
Verfügung, sowohl für unsere beiden Fahrer als auch für unsere Gegner.
Unsere Strategen saugen diese Informationen auf, um danach die nötigen
Entscheidungen zu treffen. Das Ziel ist, bis zum Ende des zweiten
Trainings zu wissen, welche Setup-Veränderungen nötig sind und einen
Plan für das Qualifying aufzustellen. Die zweifelsohne wichtigste
Entscheidung ist jedoch, auf welchem Reifen wir das Rennen beginnen
möchten - und das müssen wir noch vor dem dritten Training festlegen.
Am Samstag konzentrieren wir uns deshalb darauf, auf den vorliegenden
Datensätzen aufzubauen und uns auf Versuche mit weniger Sprit im Tank zu
konzentrieren. So legen wir die Pläne fürs Qualifying final fest:
Welche Reifen kommen in welcher Session zum Einsatz? Wie sehen die
Run-Pläne aus? Wann verlassen wir die Box? Wie sieht es mit dem
Windschatten aus? Und das sind nur ein paar der Elemente, mit denen wir
arbeiten müssen. Auf dieser Basis legen wir einen Plan fest
(Benzinmengen, Rundenanzahlen und weitere grundlegende Dinge), den wir
im Laufe des Qualifyings auf Grundlage neuer Informationen immer weiter
feintunen (Streckenentwicklung, Performance der Konkurrenten,
Unterschiede zwischen Reifenmischungen und Probleme). Zudem müssen wir
auf Einflüsse reagieren, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, zum
Beispiel das Wetter oder rote Flaggen.
Da uns nur eine bestimmte Anzahl an Reifen zur Verfügung steht, sind die
Run-Pläne und die Auswahl der Reifen für die jeweiligen Versuche eine
extrem wichtige strategische Entscheidung. Alles, was in Q1 geschieht,
hat einen Einfluss auf die folgenden beiden Abschnitte. Deshalb ist der
korrekte Einsatz der Ressourcen auf die bestmögliche Art und Weise ein
schwieriger Balanceakt, an dessen Ende die bestmöglichen Startpositionen
stehen sollen.

Was muss während des Rennens alles im Auge behalten werden?
Während des Rennens laufen jede Sekunde tausende Datensätze in unseren
Strategie-Tools ein, sowohl von uns selbst als auch von unseren
Konkurrenten. Das Team hat vor dem Rennen einen guten Ausgangswert für
Dinge wie den Reifenabbau, den Zeitverlust bei Boxenstopps, die
Wettervorhersage, die Schwierigkeit von Überholmanövern und vieles mehr,
aber die Tools werden ständig angepasst, sobald aktuellere Daten zur
Verfügung stehen. So kann das Strategie-Team voraussagen, was passieren
wird.
Die Strategen beurteilen diese Informationen ständig neu und erkennen
Elemente, die in ihren Tools auftauchen und zum Beispiel zur Umstellung
auf eine andere geplante Strategie führen oder die aktuelle beeinflussen
könnten. Auf diesen Funk-Kanälen herrschen strikte Protokolle vor, die
zu einer klaren und präzisen Kommunikation führen. So kann das
Strategie-Team Fragen aufwerfen und darüber diskutieren, was gerade
passiert, was die Vorhersage für das Rennen im Moment besagt und was in
der Zukunft passieren könnte und wie wir in so einem Fall darauf
reagieren sollten.
Die Strategie wird auch auf weiteren Funk-Kanälen während des Rennens
besprochen, zum Beispiel mit Toto und anderen Teammitgliedern am
Kommandostand sowie den Renningenieuren. Auf diese Weise wird das Wissen
und die Kompetenz aller genutzt, um ihre Meinung mit allen zu teilen.
Die Teams legen bereits vor dem Rennen unterschiedliche Szenarien fest,
die sie ständig beobachten. Diese Vorausplanung ist unerlässlich, um
schnell und ruhig auf unerwartete Ereignisse reagieren zu können, etwa
bei Safety-Car-Phasen. Sollten diese Momente eintreten, geht es nur noch
darum, den zuvor festgelegten Plan in die Tat umzusetzen.

Müssen manche Entscheidungen in der allerletzten Sekunde getroffen werden?
Selbst bei einer perfekten Vorbereitung und Vorausplanung ist es
unvermeidlich, dass manche Entscheidungen spontan getroffen werden
müssen. Das Wetter kann zum Beispiel unberechenbar sein. Dadurch kann es
die Strategie-Mannschaft vor einige der härtesten Entscheidungen
überhaupt stellen.
Die Stärke eines Regenschauers, dessen Stelle rund um
die Strecke und der Einfluss auf den verfügbaren Reifengrip können die
Reifenwahl zu einer qualvollen Entscheidung machen.
Manche Situationen deuten sich während eines Rennens an und dann müssen
die notwendigen Entscheidungen, um von einem festgelegten Plan
abzuweichen, binnen Sekundenbruchteilen getroffen werden.
So wurde die
Entscheidung, Lewis in Monza hereinzuholen, ganz rasch getroffen, da
seine Sektorzeit nach dem Stopp seiner Konkurrenten klar zeigte, dass er
nicht schnell genug war und die geplante Strategie deshalb nicht
aufgehen würde.
Während eines Rennwochenendes werden tausende Entscheidungen getroffen,
von denen viele für Außenstehende unsichtbar sind. In jeder Session gibt
es jede Menge bewegliche Elemente, besonders im Qualifying und dem
Rennen, wenn hunderte von Strategie-Optionen analysiert werden müssen,
bevor diejenigen ausgewählt werden, die für die eigenen Autos am besten
sind.
Die Strategie ist in der Formel 1 wie ein mehrdimensionales Schachspiel,
aber genau diese Herausforderung ist es, die alle
Strategie-Mannschaften im Feld so sehr genießen und wofür sie immer
wieder kommen.
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