Blick durchs Schlüsselloch in die Geheimnisse der Formel 1: Teamchef Toto Wolff verrät uns den Einfluss von Höhenunterschieden auf den GP-Strecken

Am Sonntag rollen um 16 Uhr die Formel 1 Wagen ins dritte Saisonrennen auf dem Autódromo Internacional do Algarve, ganz vorne am Start stehen die beiden Mercedes-Fahrer Bottas und Hamilton.



Diesmal verrät Toto Wolff, Chef vom Mercedes-AMG Petronas Formula One Team, einen wichtigen Aspekt bei Rennen, der die Fahrzeuge und Fahrer ganz schön herausfordern kann.
Diesmal geht es um den Einfluss von Höhenunterschieden auf der Strecke.

Foto: LAT Images

Fast wie auf der Achterbahn

Frage 1: 
Können sie uns mehr zur Rennstrecke in Portimão sagen?
 
Ihre uunverkennbare Charakteristik sind Höhenunterschiede. 
Im Laufe einer Runde gibt es viele Anstiege und Gefälle, fast wie bei einer Achterbahn.
Die Höhenunterschiede sind viel steiler, als es im Fernsehen den Anschein hat. 
Aber obwohl sie keine besonders große Herausforderung für die Autos selbst darstellen, besitzen sie sehr wohl einen größeren Einfluss auf die Fahrer.
 
Foto: Jiri Krenek
Frage 2:
Welchen Einfluss haben Höhenunterschiede auf die Leistung?
 
Sie beeinträchtigen die Performance nicht so stark, wie man vielleicht annehmen könnte. 
Klar, sie belasten etwas stärker, aber die Rennwagen wurden ohnehin dafür gebaut, starke Stöße auf den Kerbs und hohe Belastungen auszuhalten. 
Deshalb ist eine leicht größere Kompression für Aufhängungen heute kein Problem.
 
Gleichzeitig beeinflussen unterschiedliche Typen von Höhenunterschieden die Fahrzeuge auf verschiedene Art und Weise, jeweils abhängig von der Strecke und deren Topografie.
Einige verlangen andere Einstellungen beim Setup, um das Auto bestmöglich auf die Streckencharakteristik abzustimmen, auf anderen wird der richtige Kompromiss benötigt.
 
Sehen wir uns dies am Beispiel von Spa-Francorchamps an: 
Für das Bergauf- und Bergabstück Raidillon de l'Eau Rouge müssen die Teams die Bodenfreiheit vorne erhöhen. 
Nur so können die Autos mit den dortigen vertikalen Kompressionskräften von rund 3g umgehen.
Beim plötzlichen Richtungswechsel werden sie auf den Boden gepresst - bei fast Top-Speed.
 
Die vertikale Kompression der Reifen und Aufhängung ist in diesem Streckenabschnitt eine der höchsten im gesamten Rennkalender.
Das ist jedoch keine große Überraschung, da Spa den größten Höhenunterschied in der Formel 1 aufweist.
Genau 102 Meter zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt.
 
Dies Kompressionsniveau spielt auf einer Strecke wie Portimão keine Rolle. 
Obwohl es einige steile Anstiege gibt.
Doch die Höhenunterschiede werden nicht mit so viel Speed durchfahren wie in Spa. 
Der Höhenunterschied vom niedrigsten zum höchsten Punkt fällt nicht so dramatisch aus wie dort.
Der beträgt nur knapp 30 Meter.
Aber das Auf und Ab erfolgt dafür öfter.
 
Deshalb haben die Höhenunterschiede schon einen Einfluss darauf, wie sich das Auto im Laufe einer Runde verhält. 
In Portimão gibt es sowohl Kurvenein- als auch Kurvenausgänge, die bergauf bzw. bergab liegen. 
Die Strecke bietet also eine Mischung aus allen Möglichkeiten. 
Daher können die Teams ihre Fahrzeuge nicht auf die eine oder andere Weise abstimmen.
Dies würde zu viele der anderen Elemente beeinträchtigen. 
Sie müssen einen Mittelweg finden, um sicherzustellen, dass das Auto in all diesen Szenarien gut reagiert.
 
Ein weiterer interessanter Faktor in Portimão sind die bergab gelegenen Kurvenausgänge.
Etwa in Kurve 11.
Mit 16 Meter Gefälle steilstes Stück der Strecke.
Hier werden die Belastungen auf das Auto 'leicht', wenn das Gefälle recht steil ist, das Auto einfach nur geradeaus weiter möchte. 
 
Das geht jedoch nicht, Schwerkraft und Abtrieb lassen grüßen.
Aber die Fahrer spüren dennoch einen merkbaren Gripverlust.
Der kann dazu führen, dass das Auto instabil wird. 
Gleichzeitig wird dadurch die Traktion schwieriger.
So bringen die Fahrer Leistung erst mit einer gewissen Verzögerung auf den Boden.
 
Eine weitere Strecke mit offensichtlichen Höhenunterschieden ist der Red Bull Ring in Österreich. 
Dort gibt es keine Kompression oder ein 'leichtes' Gefühl im Auto.
Die Strecke ist manchmal von links nach rechts unterschiedlich geneigt. 
Dadurch entsteht eine Art Spiraleffekt.
 
Kurve 3 in Österreich ist ein Paradebeispiel dafür.
Sie besitzt einen Kamm - vom bergauf gelegenen Kurveneingang bis zum Bergab-Ausgang. 
Während die Fahrer durch diese Kurve fahren, tendiert ein Rad (das innere Vorderrad) dazu, in der Luft zu stehen, was die Fahrzeugbalance stört.

Foto: Wolfgang Wilhelm

Frage 3:
Was bedeuten Höhenunterschiede für die Fahrer?

Wenn wir uns Portimão ansehen, haben die einen viel größeren Einfluss auf die Fahrer als auf die Autos.
Sie sorgen für einige blinde Scheitelpunkte, darunter die Kurven 8, 11 und 13.
Die Kurveneingänge sind so schwieriger einzusehen.
Den Fahrern erschwert das, Referenzpunkte zum Bremsen und Einlenken zu finden.
Das Lernen der Strecke und Finden von Speed kann das schon erschweren. 
Vor allem auf den ersten Trainingsrunden.

Das stellten wir 2020 bei unserem ersten Besuch in Portimão fest.
Die Fahrer brauchten beim Training etwas länger, um sich einzugewöhnen.
Und zu wissen, wo ihre Ideallinien und Bremspunkte lagen.
Die kniffligste Stelle sind die Kurven 10 und 11.
Diese Doppelrechts besitzt einen blinden Eingang, an dem die Strecke um rund zwölf Meter ansteigt, und ein steiles Bergab-Gefälle von 16 Metern am Ausgang.

Je steiler das Gefälle ist, desto stärker möchte ein F1-Auto abheben.
Soweit kommt es aber dank der Schwerkraft und dem Abtrieb nicht.
Allerdings verringert sich die Last unter den Reifen (Aufstandsfläche).
Was wiederum Einfluss auf den Grip am Kurvenausgang hat.

Dadurch wird das Fahrzeugverhalten auf Kursen wie hier an diesen Stellen etwas unvorhersehbarer, wenn die Strecke dramatisch abfällt.
Der blinde Kurveneingang in 10 und 11 und die Breite der Strecke führen dazu, dass wir hier viele verschiedene Herangehensweisen der Fahrer sehen.
Besonders im Training, wenn sie sich an das Limit herantasten.
Aber selbst bei einem blinden Eingang wissen sie mit der Zeit und mehr Erfahrung ganz genau, wohin sie lenken müssen.

Foto: Jiri Krenek

Frage 4:
Ist die Fahrerbelastung hier sehr groß?
 
Die Höhenunterschiede hier bedeuten für die Fahrer nur eine leicht höhere Belastung.
Doch das Fahren wird schon körperlich anstrengender.
In Portimão spielt dies aufgrund der Geschwindigkeiten in den Kämmen und Wannen jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Auf einer Strecke wie Spa-Francorchamps sieht dies ganz anders aus.
In der Raidillon de l'Eau Rouge herrscht beispielsweise eine enorme Kompression.
Hier müssen nicht nur das Auto und seine Komponenten höheren Kräften standhalten, auch die Fahrer. Glücklicherweise sind dies für die Piloten mit Blick auf die Höhenunterschiede nur kurze, starke Kraftanstiege, die nicht für einen längeren Zeitraum während der Kurvenfahrt ausgehalten werden müssen.
 
Foto: Jiri Krenek


Frage 5: 
Haben die Höhenunterschiede auch Einfluss auf das Racing?
Das Auf und Ab einiger Strecken hat einen kleinen, aber entscheidenden Einfluss auf das Racing. 
In Portimão führen die Höhenunterschiede und die blinden Kurveneingänge dazu, dass es mehr als nur eine Linie gibt. 
Dadurch ergeben sich Möglichkeiten für Überholmanöver oder Fehler der Gegner. 
Abhängig von der örtlichen Topografie kann es die Ideallinie aber auch genauer definieren.
 
Sicherheit und Sicht sind weitere Faktoren, die von den Fahrern berücksichtigt werden müssen.
Gerade, wenn es mehrere blinde Abschnitte gibt. 
Dazu gehört in Portimão etwa die Delle vor der ersten Kurve.
Oder das Gefälle nach Kurve 8, wo man erst nach dem Kamm erkennen kann, wo es hingeht. 
Dies führt zu zusätzlichen Herausforderungen und Gedankengängen, um die sich die Fahrer während einer Session kümmern müssen.

Die blinden Kurveneingänge erhöhen auch das Fehlerrisiko im Qualifying, da die Fahrer ihre Brems- oder Einlenkpunkte ohne die üblichen Referenzpunkte einer normalen Strecke wählen müssen, auf der sie freie Sicht haben. Dadurch ist es auf einer Strecke wie Portimão schwieriger, präzise zu fahren, besonders, wenn man während des Qualifyings am Limit agiert.
 

 

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