Feature der Woche für Motorsport-Fans: Renn-Unterstützung aus der Ferne

Der 17. WM-Lauf der Formel 1-Saison 2018 findet auf dem legendären Suzuka Circuit in Japan an diesem Wochenende statt. Neben den Ingenieuren und anderen vor Ort, unterstützen auch Mitarbeiter am Firmensitz die jeweiligen Teams. Das haben wir uns am Beispiel des Teams Mercedes-AMG Petronas mal etwas näher angeschaut.

 

Renn-Unterstützung aus der Ferne 

Es gibt viele Bezeichnungen dafür – von „Einsatzzentrale" und „virtuelle Garage" bis „Mission Control". Viele davon sind jedoch falsch oder sogar ein bisschen irreführend. Denn sie erfassen den Kern dieses Raums nicht richtig. Deshalb nennen wir ihn „Race Support Room" (Raum für die Renn-Unterstützung). Aber wie genau funktioniert er?

In Suzuka arbeiten bis zu 60 Teammitglieder an den Autos - die maximal von der FIA erlaubte Zahl an technischem Personal. Sie sin irgendeiner Art und Weise innerhalb des Streckengeländes am Einsatz der Autos beteiligt.

Abseits der Strecke darf mehr Personal das Rennteam unterstützen, solange sie dafür nicht körperlich am Auto zugegen sein müssen. Bei Mercedes-AMG Petronas Motorsport sitzen sie im „Race Support Room" oder kurz „RSR".

Wie viele Leute arbeiten im RSR?
Maximal 30 Personen. Ein Großteil davon sind Freiwillige, meist Betriebspraktikanten, die ihre Freizeit opfern, um das Rennteam zu unterstützen. Plus Ingenieure aus verschiedenen Abteilungen (Reifen-, System- und Renningenieure, Aerodynamiker und Strategen). Gleichzeitig ist der RSR auch eine Trainingseinrichtung für junge Teammitglieder, die zum Rennteam vorstoßen möchten.

Wie sind die Aufgaben im RSR verteilt?
Eine der wichtigsten Aufgaben der Betriebspraktikanten ist es, sich die Funksprüche der anderen Teams anzuhören. Das ist seit 2016 möglich, als sich die Teams dazu entschieden, die Fahrer wieder über Funk durch ihre Ingenieure zu unterstützen.

Diese Form der Kommunikation war vorher verboten, die Fahrer mussten technische Schwierigkeiten ohne Unterstützung selbst lösen.

Die Teammitglieder im RSR beobachten auch die verschiedenen Video-Feeds, um das Rennen aus so vielen Blickwinkeln wie möglich zu verfolgen. Wenn zum Beispiel eines unserer Autos eine Berührung mit einem anderen Fahrzeug hat, suchen sie die richtigen Video-Clips heraus und senden sie so schnell wie möglich an die Aerodynamiker, damit diese das Material analysieren und auf mögliche Schäden am Auto untersuchen können.

Gibt es Aufgaben, die nur im RSR erledigt werden?
Ja, sehr viele sogar. Alle Video-Clips und Audio-Transkripte werden im RSR erstellt. Zusätzlich wird ein Großteil der Überlastüberwachung ausschließlich in der Fabrik in Brackley erledigt. Das RSR-Personal ist zudem dafür zuständig, die Boxengassenzeiten zu messen, die sehr wichtig für die Strategie-Entscheidungen sind. Die Strategen im RSR unterstützen ihre Kollegen an der Strecke und liefern ihnen Input sowie Hintergrundinformationen, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen können. Die finale Strategie-Entscheidung wird jedoch immer am Kommandostand an der Rennstrecke getroffen.

Wie wird das Personal für den RSR geschult?
Wer als Ingenieur für den Streckeneinsatz ausgebildet wird, durchläuft normalerweise den RSR als erste Stufe der Ausbildung. Bevor man an einem Rennwochenende eingesetzt wird, verbringt man mindestens ein Jahr im RSR und sammelt erste Streckenerfahrung bei Testfahrten.

RSR hilft auch bei der Weiterentwicklung von jungen Absolventen und Betriebspraktikanten, die an einer Session "Racing 101" teilnehmen. Dieses Meeting wird am Sonntagvormittag vor dem Rennen abgehalten und dazu verwendet, alle möglichen Fragen zu beantworten. Eine grundlegende Regel: es gibt keine dummen Fragen!

Ist es ein großer Nachteil für die Leute im RSR, nicht vor Ort zu sein?
Nein, tatsächlich ist es sogar ein Vorteil. Die Tatsache, dass sie nicht am Auto arbeiten können, gibt ihnen einen klaren Fokus. Sie achten auf das Gesamtbild und analysieren, wie wir uns im Vergleich zur Konkurrenz schlagen. Sie sehen sich auch die unterschiedlichen Systeme des Autos an und erkennen, ob sie wie gewünscht funktionieren. Wenn etwas nicht wie geplant läuft, ist Hilfe gleich um die Ecke - besonders am Freitag, wenn die Fabrik voll besetzt ist. Der RSR liegt direkt neben dem Designbüro, in dem sie dann mit der Person sprechen können, die das Teil entworfen hat. Außerdem gibt es im RSR Systemingenieure, die auf die Zuverlässigkeit des Autos achten und die Daten bestimmter Systeme überwachen. Sie achten zum Beispiel auf die Belastung der Aufhängung, wenn das Auto über einen Kerb fährt und stellen sicher, dass diese nicht zu hoch ist und die Aufhängung nicht beschädigt wird. Wenn ein Systemingenieur in den Daten einen Hinweis darauf findet, der auf einen bevorstehenden Defekt hindeutet, in dessen Folge der Einsatz des Autos gefährdet wäre, informiert er sofort den Chefingenieur. Dieser ist für die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Autos zuständig und hat die Befugnisse, das Auto notfalls an die Box zu rufen.

Hat der RSR Zugriff auf die gleichen Daten wie die Leute an der Strecke?
Ja, innerhalb einer Sekunde auf die vollständigen Telemetriedaten von der Strecke. Gleichzeitig haben die Ingenieure an der Strecke Zugriff auf alle Daten, die im RSR erstellt werden. Im Verlauf eines Rennwochenendes werden rund 120 Gigabyte an Daten von der Strecke an den RSR gesendet und ungefähr die gleiche Datenmenge geht in die andere Richtung.

Der RSR hat auch Zugriff auf die gleichen Funksprüche wie die Crew an der Strecke - mit nur minimaler Verzögerung. Bei einem Europarennen sind das rund 0,3 Sekunden. In Australien sind es rund 0,7 Sekunden, beim GP von Japan rund 0,5 Sekunden.



Wie ist der RSR aufgebaut?
Das Team verwendet einen eigenen Raum, der wie ein Kinosaal aufgebaut ist und in dem alle in die gleiche Richtung blicken. Dadurch können sie an ihren jeweiligen Aufgaben auf den drei Monitoren vor ihnen arbeiten und die allgemeinen Informationen den großen Bildschirmen an der Wand entnehmen.

Der Hauptbildschirm zeigt die On-Board- und Boxengassen-Feeds von der Strecke, eine Timing-Seite und die Rennanalyse-Software.

Jeder Platz im RSR ist mit einer Sprechanlage ausgestattet, so kann jeder auf die Funkkanäle zugreifen, die für seine Rolle benötigt werden.

Während diese Form der Kommunikation wichtig ist, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, benötigt sie zu Beginn auch etwas Einarbeitungszeit. Wenn das Team Gäste wie uns in den RSR einlädt, nehmen sie ihre Kopfhörer zunächst wieder ab, weil sie von den vielen Funksprüchen auf den rund 30 Kanälen, die das Team verwendet, schier überwältigt sind.

Gibt es in Brixworth auch einen RSR?
Ja, bei Mercedes-AMG High Performance Powertrains (HPP) in Brixworth gibt es einen ähnlichen Raum, der allerdings als TSO (kurz für "Track Support Office") bezeichnet wird. Das Personal im TSO betreut nicht nur die Power Units im Mercedes-AMG F1 W09 EQ Power+, sondern auch die Mercedes-Motoren von Force India und Williams.

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